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HSK Forum 2021: Hat die Schweizer Tariflandschaft Zukunft?

Am HSK Forum 2021 vom 2. September beleuchteten Experten aus dem Gesundheitsweisen der Schweiz, aus Deutschland und Frankreich die Tarifierung im stationären und im ambulanten Bereich sowie in der Rehabilitation.

Podiumsteilnehmer beim HSK Forum 2021. Photo Credit: Lukas Pitsch

Podiumsteilnehmer beim HSK Forum 2021. Photo Credit: Lukas Pitsch

Am 2. September fand das zweite HSK Forum in digitaler Form als Live-Event statt: Rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten die Veranstaltung via Live-Stream. Sie gingen gemeinsam mit einer Expertenrunde vor Ort der Frage nach, ob die heutige Tariflandschaft in der Schweiz zukunftsfähig ist. Drei Fachreferate beleuchteten Tarifierungen in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz. Im Anschluss an die jeweiligen Referate reflektierten die Experten die Bedeutung der vorgestellten Ansätze für das Schweizer Gesundheitssystem.

Die Experten und Gäste waren sich einig: Die heutige Tariflandschaft hat Zukunft. Denn die Tarifmodelle entwickeln sich zu lernfähigen Systemen und Qualitätsindikatoren gewinnen an Bedeutung. Die Herausforderung dabei besteht in der Erhebung, der Qualität und der Vergleichbarkeit der entsprechenden Daten.

Spitalfinanzierung in Deutschland: zunehmend qualitätsorientiert

Der erste Referent der Veranstaltung, Prof. Dr. rer. pol. h.c. Herbert Rebscher, berichtete über die Implementation, Erfahrungen und den Reformbedarf des DRG Systems in Deutschland. Als Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (IGV research) und als Professor für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth gehört er zu den führenden Kennern und Forschern im deutschen Gesundheitswesen.

Das DRG-System als Spitalfinanzierung in Deutschland und der Schweiz: Idee, Implementation, Erfahrungen und Reformbedarf

 

Der Ausblick nach Deutschland ist von besonderem Interesse, da die akutsomatischen Leistungen bereits seit 2004 über diagnosebezogene Fallgruppen abgerechnet werden. Die Einführung des Tarifsystems G-DRG erfolgte somit acht Jahre vor SwissDRG. «Während dem über 15-jährigen Regelbetrieb sind die Verweilzeiten massiv gesunken», resümiert Prof. Dr. Rebscher. Das liege aber nicht nur an der Einführung des DRG-Systems, sondern auch an den technologischen Neuerungen.

«Die Herausforderung jedes Tarifsystems besteht darin, die Heterogenität der Patienten und einzelnen Fälle abzudecken, ohne zu viel administrativen Aufwand zu generieren», so Prof. Dr. Rebscher. Die jüngste Entwicklung in der Spitalfinanzierung ist die Gründung eines Instituts, das sich mit der Qualitätsadjustierung der Spitalrankings befasst, damit die Spitäler besser untereinander vergleichbar sind. Laut Prof. Dr. Rebscher hat Deutschland zu lange zugewartet. Potenzial für weitere Entwicklungen sieht er insbesondere im Aufbau von spezialisierten Angebotsstrukturen, der Entwicklung von regionalen Kooperationen bis hin zum Tausch von Versorgungsaufträgen und der Implementierung neuer, digitaler Instrumente wie beispielsweise das elektronische Patientendossier.

Lernfähige Tarifierungen haben Zukunft

Im Anschluss diskutierte der Referent mit der anwesenden Expertenrunde, bestehend aus Oliver Peters, stellvertretender CEO und CFO des CHUV (Centre hospitalier universitaire vaudois), Dr. med. Philippe Luchsinger, Präsident mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz und Eliane Kreuzer, Geschäftsführerin Einkaufsgemeinschaft HSK. Unter der Moderation von Stephan Klapproth debattierten sie über die Praktikabilität und Handhabung der DRG-Logik sowie über die Differenzen zwischen Deutschland und der Schweiz.

Expertenrunde DRG Tarifierung

 

Alle Experten waren sich einig, dass die DRG-Tarifierung zukunftsfähig sei – insbesondere, weil es ein lernfähiges und wandelbares System ist. Oder wie Prof. Dr. Rebscher konkludierte: «Das System wird jedes Jahr aktualisiert und so durch Trial-and-Error den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Diese lernfähige Struktur ist wichtig, um die Zukunftsfähigkeit des Systems zu gewährleisten». Laut Peters sei es besonders wichtig, dass das Vergütungssystem in Zukunft weiter ausdifferiert wird, um Fehlanreize und somit Mengenausweitungen zu minimieren. Das Publikum der Veranstaltung war sich mit den Experten einig: 92 Prozent der Zuschauer waren ebenfalls der Meinung, dass es SwissDRG auch in fünf Jahren noch gibt.

Alle Experten stimmten darin überein, dass das ökonomische SwissDRG System zukünftig ebenfalls Qualitätsaspekte integrieren soll. In Deutschland werden diese neuerdings berücksichtigt. In der Schweiz gelte es als erstes, gemeinsam die Ergebnisqualitäten festzulegen, die zu messen sind, so Kreuzer. Anschliessend seien die Daten zu erheben und deren Qualität sicherzustellen, um eine adäquate Grundlage für eine Beurteilung der Indikatoren zu schaffen. Die Schweiz sei hier noch nicht ganz so weit wie Deutschland, kommentiert Kreuzer.

Frankreich: Neues Tarifsystem für mehr Vereinheitlichung

Das nächste Fachreferat von Jean-Marc Aubert, Vice President und General Manager bei IQVIA France, beleuchtete die Entwicklung der Tarifierung im Gesundheitswesen in Frankreich.

Die Entwicklung der Tarifierung im Gesundheitswesen in Frankreich

 

Nach einem intensiven Tauziehen unter den medizinischen Disziplinen werden seit 2011 bei der Tarifierung Qualitätsindikatoren berücksichtigt. «Das Gesundheitssystem in Frankreich ist sehr kostenintensiv, häufig ist aber die Qualität eher unterdurchschnittlich», kommentiert Aubert die ersten Erkenntnisse seit deren Einführung. Die Gründe dafür verortet er in den unterschiedlichen Finanzierungsmodellen. Öffentliche Einrichtungen können beispielsweise in der Psychiatrie über jährliche Beiträge finanziert werden, wohingegen Private pro Nacht honoriert werden: «Das führt dazu, dass die Verweildauer in den privaten Einrichtungen bis zu 25 Prozent höher ist». Zudem sind die Vergütungen bei ambulanten und stationären Behandlungen unterschiedlich, was teilweise Mengenausweitungen zur Folge hat.

Ziel der neuen Reform in Frankreich ist es, ein übergreifendes Finanzierungsmodell für ambulante und stationäre Leistungen zu schaffen, das gleichzeitig eine Differenzierung nach Behandlungsart zulässt. Die Honorierung soll nicht nur auf Pauschalen basieren, sondern auch die Zweckmässigkeit der Leistungen, die Qualität und die Nachversorgung berücksichtigen. Insbesondere die ambulanten Ärzte befürchten, dass die erbrachten Leistungen so weniger gut honoriert werden. Diese Vorurteile gelte es jetzt zu entkräften, so Aubert. Mit der neuen Reform investiert Frankreich zudem stark in die Verbesserung der Datenlage: Die Ärzte erhalten für das Ausfüllen der medizinischen Akten eine Pauschalvergütung, die bis zu 15 Prozent des Einkommens ausmachen kann.

Anpassungsfähige Tarifierung sorgt für faire Löhne

Expertenrunde ambulante Tarifierung

 

Dr. Luchsinger machte sich in der anschliessenden Expertenrunde in seiner Rolle als Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz dafür stark, dass die Ärzte fair und wegen langjährig stagnierenden Preisen höher entlöhnt werden. Die Gesprächsteilnehmenden pflichteten bei: TARMED habe dazu geführt, dass die Spezialisten - im Gegensatz zu den Hausärzten - aufgrund übervergüteter Leistungen zunehmend mit Mengenausweitungen besser entlöhnt werden: «Das ist bei jedem ambulanten Tarifsystem so, das nicht anpassungsfähig ist», konkludierte Peters. Bei TARMED fehle eine Korrekturinstanz, welche die Vergütung auf Basis neuer medizinischen Gegebenheiten anpasst, damit die Mengenausweitungen reduziert werden. TARDOC, der TARMED 2023 ablösen soll, und die neu einzuführenden ambulanten Pauschalen seien als lernende und anpassungsfähige Systeme hierzu besser geeignet. Experten und Publikum waren sich einig, dass es auch in Zukunft beides, Einzelleistungstarifierung und Pauschalierung, braucht.

​​​​​Leistungsbezogene Fallpauschalen in der Rehabilitation dank ST Reha

Als dritter Gast der Veranstaltung beleuchtete Robert Schomburg, Facharzt für Neurologie und Leiter der kognitiven und somatischen Frührehabilitation der Rehaklinik Zihlschlacht die Evolution der Tarifsysteme im Bereich Rehabilitation.

Evolution der Tarifsysteme - Faktische Kraft des Normativen an der Schnittstelle Akutmedizin - Neurorehabilitation?

 

Bei knapp sechs Prozent aller Hospitalisierungen in der Schweiz handelt es sich um Rehabilitationsaufenthalte. Die überwiegende Mehrheit davon erfolgt im Anschluss an einen akutstationären Spitalaufenthalt, wobei die Dauer des Spitalaufenthalts in den letzten Jahren laufend abgenommen hat.
   
Nach der Einführung von SwissDRG in der Akutsomatik im Jahr 2012 und TARPSY in der Psychiatrie im Jahr 2018 sollen 2022 mit ST Reha auch in der Rehabilitation leistungsbezogene Pauschalen zur Anwendung kommen. Die leistungsbezogene Abbildung aller Versorgungsmodelle stelle eine grosse Herausforderung dar, da es derzeit kein vergleichbares System gebe. Unter Einbezug der Ärzteschaft wurde eine Ergänzung zu den bestehenden, rehaspezifischen CHOP-Codes erarbeitet. Schomburg begrüsst die Vereinheitlichung der Nomenklatur anhand der CHOP-Kriterien, da so die Vergleichbarkeit erhöht wird.

Die Frührehabilitation und die Paraplegiologie sind in der Einführungsversion von ST Reha nicht berücksichtigt, diese werden über die Tarifstruktur von SwissDRG oder über alternative Tarife abgerechnet. Allerdings braucht es in der Frührehabiliation | Paraplegiologie für die Verwendung von SwissDRG einen akutsomatischen Leistungsauftrag – was eine zusätzliche Hürde in der praktischen Handhabung darstellt. 
 

Fokus auf Versorgung und Qualität

Expertenrunde Tarifierung Rehabilitation

 

Kreuzer begrüsst das neue System, da es zur Vereinheitlichung und somit zur Vergleichbarkeit der Leistungen beiträgt. Peters gibt sich skeptisch: «Mit ST Reha beschreitet die Schweiz Neuland. Die Kriterien, auf denen die Struktur des Systems basiert, sind aufgrund der hohen Variabilität bei der Datenerfassung schwammig.» Daher sei es wichtig, abzuwarten und gegebenenfalls nachzujustieren.

Die Expertenrunde wagte anschliessend einen Blick in die Zukunft und philosophierte darüber, wie zukünftig Tarifsysteme den Patienten-Journey besser berücksichtigen können – mit Fokus auf eine umfassende Versorgung und auf eine hohe Qualität. Das sei aber eine strukturelle Frage, zu deren Lösung es die Mitarbeit und Kooperation aller Beteiligten brauche: «Was das betrifft, gibt es noch grosses Potenzial», resümiert Dr. Luchsinger.

Kurz Talk: Startschuss Tarifverhandlungen, Instant Protokoll HSK Forum 2021 und Verabschiedung

 

Im Anschluss an die Expertenrunde informierte Kreuzer im Kurztalk mit Stephan Klapproth darüber, dass für das Tarifjahr 2022 kein neuer Benchmark erfolgt: Für die Tarifverhandlungen mit den Spitälern wird die Einkaufsgemeinschaft HSK die gleiche Grundlage wie 2021 anwenden. Grund dafür ist die verzerrte Datenlage aufgrund der COVID-19-Pandemie. Die spannenden Hintergründe zum aktuellen Benchmarking finden sich hier

Die bekannte Kabarettistin und Satirikerin Patti Basler fasste als Abschluss die wichtigsten Punkte der Veranstaltung in einem Instant-Protokoll zusammen. Mit viel Wortwitz und unterhaltsamen Anspielungen erntete sie grossen Applaus des Publikums. 

Im nächsten Jahr findet das HSK Forum am 1. September 2022 wieder statt, wir freuen uns schon jetzt auf Ihre Teilnahme!
 

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Weiterführende Informationen

HSK Newsletter Beitrag: «News zum Benchmarking 2022 - DRG und TARPSY» Referat Prof. Dr. Herbert Rebscher: «Das DRG System als Spitalfinanzierung in Deutschland und der Schweiz» Referat Jean-Marc Aubert: «Die Entwicklung der Tarifierung im Gesundheitswesen in Frankreich» Referat Robert Schomburg: «Evolution der Tarifsysteme. Faktische Kraft des Normativen - An der Schnittstelle Akutmedizin - Neurorehabilitation?»

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Eliane Kreuzer

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