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Qualitätsmanagement bei Spitälern

Bis vor wenigen Tagen lief in der Schweiz die Vernehmlassung zum Bundesgesetz über das Zentrum für Qualität in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Stärkung von Qualität und Wirtschaftlichkeit). In Deutschland gibt es schon seit vielen Jahren ein Qualitätsgesetz. Lesen Sie mehr über die Erfahrungen, welche deutsche Kliniken mit dem Thema «Qualitätsmanagement» gemacht haben und was Schweizer Spitäler daraus lernen könnten.

Jeder zehnte Patient erlebt laut internationalen Studien bei seiner Behandlung in einem Spital einen medizinischen Zwischenfall, zum Beispiel einen Diagnosefehler, eine Infektion oder eine falsche Medikation. Dadurch verlängert sich der Spitalaufenthalt im Schnitt um eine Woche, was für die Betroffenen eine grosse Belastung bedeutet und zugleich Mehrkosten in Millionenhöhe verursacht. Der Bundesrat möchte solche Zwischenfälle verhindern und die Sicherheit und Qualität des Gesundheitssystems weiter steigern, wie er es in seiner Strategie «Gesundheit 2020» festgelegt hat. Konkret sollen die Qualität der medizinischen Leistung besser gemessen, der Einsatz anerkannter Standards für die Patientensicherheit verbindlich geregelt und die Leistungskataloge der Krankenversicherung systematisch überprüft werden. Der Bundesrat schlägt vor, zu diesem Zweck ein nationales Zentrum für Qualität zu schaffen, das die bestehenden Aktivitäten in der Qualitätssicherung koordinieren und verstärken soll. Es ist anzunehmen, dass es nationale Qualitätsprogramme lancieren und Qualitätsindikatoren entwickeln sowie auch Qualitätszertifizierungen einführen wird.

In Deutschland gibt es bereits seit 1989 ein Qualitätsgesetz. Erfahren Sie mehr über die Auswirkungen des Gesetzes und die wachsende Zahl entsprechender Qualitätszertifizierungen im Interview mit Dr. med. Niels Köster, Leiter Qualitätsmanagement bei der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg.

Dr. med. Niels Köster, Leiter Qualitätsmanagement

Dr. med. Niels Köster, Leiter Qualitätsmanagement

Herr Dr. med. Köster, hat das in Deutschland 1989 eingeführte Qualitätsgesetz dafür gesorgt, dass sich eine höhere Anzahl Spitäler zertifizieren liess?

Ja, das ist ohne Zweifel der Fall. Während dies früher noch freiwillig war, ist mittlerweile jedes Krankenhaus in Deutschland gesetzlich dazu verpflichtet, ein internes Qualitätsmanagement einzurichten und dies zum Beispiel mittels einer Qualitätszertifizierung nachzuweisen. Das Label KTQ (Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen), welches 2004 eingeführt wurde und nach dem auch wir zertifiziert sind, ist in Deutschland das am weitesten verbreitete Zertifikat. Per 19. Juni 2014 verfügten 489 Kliniken und zusätzlich rund 200 Arzt- und medizinische Versorgungspraxen, Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen, Hospize, Alternative Wohnformen sowie Rettungsdienste über eine KTQ-Zertifizierung.

Gibt es neben KTQ noch andere Qualitätszertifizierungen?

Ja, es gibt noch viele weitere Zertifikate wie zum Beispiel DIN ISO, EFQM oder IQM (viele Helios-Kliniken) und andere. Man kann sogar von einer eigentlichen Zertifizierungsflut sprechen. Denn jede medizinische Fachgesellschaft bietet eine Vielzahl Label an. Und ich spreche jetzt nur von den medizinischen Themenschwerpunkten. Daneben gibt es noch diverse weitere Label, mit denen sich ein Spital auszeichnen kann. Unsere Klinik hat das Beschwerdemanagement und die Rezeption der Klinik, das heisst die Kundenfreundlichkeit, zertifiziert. Darüber hinaus haben wir aber auch ein Zertifikat vom ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) erworben – «Mit dem Velo zur Arbeit» – kein klinisches Thema, aber wichtig für die Mitarbeitendenzufriedenheit!

Und welche ist die beste Qualitätszertifizierung?

Jede Qualitätszertifizierung hat ihre Vor- und Nachteile. Beim IQM zum Beispiel geht es vor allem um den ergonomischen Ansatz der Datenrekrutierung («Qualitätsindikatoren aus Routinedaten»). Fragen zur interdisziplinären Behandlungsqualität und Patientenzufriedenheit gibt es eher wenige. KTQ hingegen als sehr umfangreiches System ist ganzheitlicher und fragt den gesamten Behandlungsprozess ab. Das heisst, dass sich der von Experten (Bundesärztekammer, Deutscher Pflegerat, grosse Krankenversicherungen u.a.) ausgearbeitete Fragenkatalog nicht nur darum kümmert, ob etwa systematisch nach Allergien gefragt wird oder ob die Schmerztherapie auch gut organisiert ist. Es geht ebenfalls darum, wie das Terminmanagement in der Prä-Hospital-Phase ist und wie das Versorgungskonzept aussieht, nachdem der Patient entlassen wurde.

Ist durch die gestiegene Anzahl von Qualitätszertifizierungen auch die effektive Qualität in den Spitälern gestiegen?

Auch das kann ich bejahen. Wir haben auch festgestellt, dass sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit stark verbessert hat. Wir haben zum Beispiel drei Abteilungen, die krankenhausintern mit der Geschäftsführung eine gemeinsame Zielvereinbarung (BSC) abgeschlossen haben. Dies soll auch verhindern, dass es zwischen den Abteilungen Wettkämpfe gibt nach dem Motto «Mein Patient – Dein Patient!». Die Ärzte können sich so einzig und allein auf die medizinischen Behandlungsprozesse konzentrieren und für eine gute Zusammenarbeit beziehungsweise glatte Übergänge zwischen den Fachabteilungen sorgen.

Und stieg auch die Patientenzufriedenheit?

Ich meine ja – allerdings ist das schwer nachzuweisen, weil vor der Einführung eines systematischen Qualitätsmanagements die Patientenzufriedenheit gar nicht gemessen wurde und somit auch ein Ausgangswert für «vorher» fehlt. Unterdessen gibt es aber professionelle Befragungsinstitute, die sich auf Umfragen zur Patientenzufriedenheit bei Krankenhäusern spezialisiert haben. Seit 2010 lassen wir unsere Patientenzufriedenheit über die gesamte Klinik messen und die Resultate wurden seither stets besser. Man darf aber etwas nicht ausser Acht lassen. Die Patientenzufriedenheit ist nur das eine. Für uns ist es genauso wichtig, dass seither auch die Zufriedenheit der Einweiser erheblich gestiegen ist. Denn nicht nur die Patienten sind unsere Kunden , sondern auch die niedergelassenen Ärzte, die nach wie vor massgeblich den Weg der Patienten lenken.

Hat die Qualitätszertifizierung einen Einfluss auf die Tarifverhandlungen und gibt es dadurch sogar höhere Tarifabschlüsse?

Ohne Zweifel hat die Qualitätszertifizierung einen Einfluss auf die Tarife. Bei unseren Budgetverhandlungen haben wir 2012 zum Beispiel Zusatzentgelte vereinbart auf die Zusage hin, dass wir bis Ende 2015 drei weitere medizinische Themen zertifizieren lassen. Das zusätzliche Volumen beträgt zwar nur etwa ein Prozent unseres Budgets, aber auch das ist Geld.

Die Schweiz steht nun ebenfalls vor der Einführung eines Qualitätsgesetzes. Welche Erfahrungen aus Deutschland sollte die Schweiz Ihrer Meinung nach unbedingt beachten?

Wählen Sie ein QM-Prüfungsverfahren (zum Beispiel als Zertifizierung), das die Qualität der medizinischen Patientenversorgung bewertet und welches dafür sorgt, dass die für die Patienten so wichtigen Fachabteilungen gut zusammenarbeiten und welches die Patientenübergänge sowie den prä- und post-hospitalen Übergang ebenfalls berücksichtigt. Administration, Patienten- und Angehörigenservice, Terminmanagement, Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern (zum Beispiel niedergelassene Ärzte, Rehabilitationseinrichtungen und Selbsthilfegruppen) sind ebenfalls relevante Kriterien. Mit der DRG-Einführung im 2012 verfügt die Schweiz bereits über eine wichtige Grundlage für ein gutes Qualitätsgesetz und ein funktionierendes Qualitätsmanagement. Mein Rat ist folgender: Nehmen Sie sich ausreichend Zeit für eine wirklich gute Bewertung der Base-Rates, fachabteilungsweise. Holen Sie die Meinung der relevanten Experten ein, welche die unterschiedlichen Profile der Krankenhäuser gut abbilden (Vertreter von Universitätskliniken, Vertreter mittlerer Häuser mit einer ordentlichen Durchschnittsgrösse und auch kleinere, spezialisierte Spitäler in den Kantonen), damit möglichst alle Spezifika berücksichtigt werden können.

Mein Fazit ist folgendes: Die Einführung eines Qualitätsgesetzes und eines Qualitätsmanagements ist eine sehr gute Sache, weil es die Spitäler zu besserer Qualität und mehr Wirtschaftlichkeit animiert und für die Patienten gleichzeitig den besten Behandlungsweg sicherstellt.

Zur Person

Dr. med. Niels Köster

Niels Köster ist Anästhesist und operativer Intensiv- und Notfallmediziner sowie Mitglied der Krankenhausleitung (Qualitätsmanagement und Organisationsentwicklung, OP-Bereiche) in der Asklepios Klinik Barmbek, Hamburg.

Ihr direkter Kontakt

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Daniel Burger

Kommunikationsverantwortlicher
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